1938 / 1939
   
  König Ferdinand Rave und
Königin Frau Franz Funke
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Die Throndamen:

Frau Ferdinant Rave,
Frau Damm,
Frau Tegelkamp,
Frau Josef Rave,
Frau Uepping,
Frau Westrick.

Thronherren:

Theodor Kösters,
Bernhard Janzen,
Alois Menning,
Bernhard Bödder,
Anton Heddier.

 

    König Ferdinand Rave nach dem Königsschuss.
     
 

 

Die drei beten Schützen:

Reichsapfel: Ernst Selting
Krone: Ewald Wieschen
Zepter: Paul Renners

 

     

 

 

Ramsdorf hat einen neuen Schützenkönig. – Ganz Ramsdorf im Zeichen des
schönen Volksfestes. – Viele Fremde nahmen an der Freude mit teil.

 
Großartige Vorbereitungen ließen auch in diesem Jahr erwarten, daß das Schützenfest in Ramsdorf-Stadt, veranstaltet vom St. Walburgis-Schützenverein einen unterhaltsamen Verlauf nehmen würde. Die Ramsdorfer haben sich die große Mühe gegeben, dieses alte Fest zu einem wahren Volksfest zu gestalten. Wesentlich war dabei, das im vergangenem Jahr zum ersten Mal mit dem alten Brauch gebrochen wurde, das Fest im September zu begehen. Die Verlegung in den Juli konnte jedenfalls wärmeres Wetter erwarten lassen. Das war die erste Maßnahme, um das Fest noch Volkstümlicher zu machen. Sehr gut wirkte sich dann auch die Werbung für die Kirmes aus, die ein hervorragendes Bindemittel für alle Schützenfestbesucher geworden ist. Man kann heute sagen, das beide Maßnahmen ein Volltreffer für das Gelingen des Schützenfestes in Ramsdorf-Stadt geworden sind. Der Sonntag und Montag zeigten, wie sehr die Ramsdorfer an ihren Volksfest hängen, und das auch viele Fremd gern an diesem Fest teilnehmen.
Wie immer setzte man an den Anfang des Festes die Gefallenenehrung, die am Samstag Abend vorgenommen wurde. Die Ramsdorfer Stadtkapelle und der MGV „Concordia“ brachten mit dem „Niederländischen Dankgebet“ und dem Lied „Stumm schläft der Sänger“ die Überleitung zu der Gedenkrede des Vereinsführer Heinrich Hollmann, der den Toten des Weltkrieges und der Bewegung ein ehrendes Nachwort widmende. Bei der Kranzniederlegung spielte die Kapelle das Lied vom guten Kameraden. Im Festzelt huldigte man dann edler Geselligkeit.
Als die Schützen nach dem Frühschoppenkonzert am Sonntagmittag am Festzelt antraten, bot sich dem Besucher ein imponierendes Bild.

Ganz Ramsdorf war geschmückt mit Flaggen.
Besondere herrlich war wieder der Durchblick auf die Kirche.

Um den Burgplatz trafen wir ein Gewoge von Menschen, wie es Ramsdorf sonst nicht kennt. Ganz vorzüglich paßten  die Budenaufbauten in die Ausbuchtung des Burgplatzes, der rundum ausstaffiert war mit dem verschiedensten Unternehmen, die sich wieder um das Karussell gruppierten. Hin und her wanderten die Menschen, groß und klein; besonders die Kinder konnten sich nicht  genug tun, immer wieder mit großen Augen die Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Am Straßendurchgang staute sich die Menge in Erwartung des Schützenzuges, Musikklänge kündigten ihn bald an. Links der Straße hatten der alte Schützenkönig  mit dem Schützenvorstand Aufstellung genommen, um den Vorbeimarsch abzunehmen. Hoch zu Roß führte Oberst Sparwel den Zug der Schützen an, in dem auch der Vogel mitgetragen wurde. Den Rhythmus des Zuges bestimmte die Ramsdorfer Stadtkapelle. In langer Reihe folgten dann die Schützen, die 1. Kompanie in Uniform. – Zackig klappte der Vorbeimarsch,  an dem sich ein Umzug schloß, der am Festzelt endete. Für Einheimische und Fremde war der Umzug ein großartiges Schauspiel. Die Gemütlichkeit im Festzelt konnte nicht besser sein. Auch die Gastwirtschaften hatten einen Bombenbetrieb, sodaß überall angeregte Stimmung anzutreffen war.
Das Hauptereignis war dann am Montag zu erwarten: Der neue König sollet erkürt werden. Schon früh waren die Ramsdorfer Schützen wieder auf den Beinen um mit der Musik zur Vogelstange am Südlohner Weg zu ziehen. Hier war für ein regelrechtes Biwak alles hergerichtet. Den Stand eines Metzgers kündeten zwei Rauchfahnen aus Dampfenden Kesseln an. Außerdem sorgte ein großer Bier- und Schnapsstand für reichliche Mengen Zielwasser. Mit den Schützenhatten sich Frauen und Kinder eingetroffen, sodaß ein bunter Rahmen für das Vogelschießen gegeben war. Nach eingehenden Vorbereitungen, bei denen auch das übliche Zeremoniell gewahrt wurde, konnte der mit einem bunten Kranz geschmückte Vogel in luftiger Höhe gehißt werden. Ein Tusch der Kapelle gab das Ereignis weiterhin bekannt. So konnte in der 11. Stunde das Ringen um die Königswürde beginnen. Zuerst umgingen aber die Schützen unter den Klängen der Musik dreimal die Vogelstange, wie das in Ramsdorf üblich ist. Oberst Schlüter Thesing gab dann die Bedingungen des Vogelschießend bekannt. Die Mitteilung, das für den Königsschuß eine Prämie von 200 M ausgesetzt sei, löste lebhafte Zustimmung aus. Im Namen des Vereinsführers gab Schriftführer Ebbeler dann das Schießen frei. Er erinnerte an die beiden vorrausgegangenen Festtage. Wilhelm der I. sollte nun einen Nachfolger haben. Wenn der Kampf auch heiß und schwer sei, so winkte doch ein großer Preis, die Königswürde. Dann richtete Amtsbürgermeister Becker einige Worte an die Schützen. Er Dankte für die Einladung und betonte, das er gerne gekommen sei, um am traditionellen Fest der Stadt Ramsdorfer Schützenteilzunehmen. Die alten Schützentugenden seien in Ramsdorf immer hochgehalten worden. Heimat und Vaterland galt dann ein dreifaches Hoch, dem die Nationallieder folgten. Der Bürgermeister dankte dann dem alten König für seine gute Regentschaft und brachte auf ihn ein dreifaches, ebenfalls stürmisch aufgenommenes Hoch aus.
Dann tat der alte König Wilhelm I. den ersten Schuß. Ihm folgte Bürgermeister, ein Vertreter der Pfarrgeistlichkeit und der Vorstand. Schuß auf Schuß folgten dann, und so war der Kampf um die Königswürde voll im Gange. Der in luftiger Höhe thronende Vogel erwies sich als sehr widerstandsfähig. Diesmal hatte man sich nicht wie vor Jahren einen Streich erlaubt, der jetzt noch, wenn er erzählt wird, recht viel Schmunzeln hervorruft. Vor Jahren hatte nämlich ein Spaßmacher kreuz und quer durchgesägt und sehr geschickt wieder mit kleinen Nägeln zusammen gezimmert, sodaß er beim dritten oder vierten Schuß bereits auseinander fiel. Drei Stunden währte der heiße Kampf. Bald kam der linke Flügel herunter. Dann fielen Krone (Ewald Wieschen), Zepter (Paul Renners) und Reichsapfel (Ernst Selting) den wütenden Angriffen der Schützen zum Opfer. Auch der Schmuckkranz flatterte bald zur Erde. Schließlich sah der Vogel sehr zerzaust und gerupft aus. Er bekam Flaum, wie einer treffend bemerkte, erwies sich aber als recht hartnäckiger Knaster.
Während dieser Zeit hatte sich ein rechtes Biwak Leben an der Vogelstange entwickelt. Der Wirtestand war immer stark umlagert. Viele Gruppen hatten sich auch malerisch im Grase gelagert und ließen die Flasche kreisen. Ungemütlich feuerte die Kapelle die Gemüter mit schneidigen Weisen an. Humorvolle Worte schwirrten umher, mit einem Wort: Echte Schützenstimmung hatte von allen Besitz ergriffen. Besondere Freude rief auch das Erscheinen des nun 80 Jahre alten Schützen Bone-Bröker aus Bleking-Holthausen hervor, der es sich nie nehmen läßt, beim Schützenfest in Ramsdorf mit dabei zu sein. Auf sein Wohl wurde manches Gläschen geleert. Und mit gutem Humor tat er allen Bescheid. Als so die Stimmung ihren Höhepunkt erklommen hatte, hatte auch bald die Stunde des Vogels geschlagen. In ganzen Salven verfluchte man ihm den Garaus zu machen. Zerschossen und zerfetzt führte er auf der hohen Stange ein trauriges Dasein. Auf einmal zerriss ein Jubelschrei die Luft der sich weithin fortpflanzte:

Der Vogel war gefallen! Kaufmann Ferdinand Rave
war zum guten Schluß der glückliche Schütze gewesen.

Bald thronte er auf den Schultern der begeisterten Schützen, die ihn jubelnd umkreisten. Zuerst einmal wurde der König mit einen kräftigen Zutrunken aus der Taufe gehoben. Dann marschierten die Schützen mit der Kapelle zur Stadt zurück, nachdem inzwischen der Thron gebildet war. Zur Königin erwählte sich der neue König Frau Schmiedemeister Franz Funke. Zu Thronherren wurden ernannt: Theodor Kösters, Bernhard Janzen, Alois Menning, Bernhard Bödder und Anton Heddier, zu Throndamen: Frau Ferdinand Rave, Frau Damm, Frau Tegelkamp, Frau Josef Rave, Frau Uepping und Frau Westrick.
In feierlicher Weise nahm das neue Schützenkönigspaar in der Stadt die Parade der Schützen ab. Die Allgemeine Stimmung erklomm dann beim Krönungsball ihren Höhepunkt. Erst in der Morgenfrühe des Dienstag ebbte das fröhliche Treiben ab. So wurde in der Stadt Ramsdorf in hervorragender Weise die Reihe der großen Schützenfeste im östlichen Landkreis begonnen. Hier hat sich wieder gezeigt, wie sehr die Bevölkerung mit ihren alten Festen verbunden ist, die Heimat und Vaterland zum Untergrund haben.

 
BZ Borken, 19. Juli.